Brille
Linsen, die das Arbeitsleben verlängern
Tafel
- 1Bikonvexe Glaslinse
- 2Fassungsring aus Knochen
- 3Griff
- 4Eisenniet
- 5Bindung aus Kupferdraht
Anatomie
Eine Brille ist ein Paar Linsen in einer Fassung vor den Augen, das Alters- und Weitsichtigkeit, Kurzsichtigkeit oder Astigmatismus ausgleicht. Sie entstand in den 1280er-Jahren in Italien als Lesehilfe für ältere Menschen; Gläser für Kurzsichtige kamen im 15. Jahrhundert hinzu, Bügel im 18.
Was es ist
Eine Brille setzt vor jedes Auge eine Linse, damit das Licht die Netzhaut schon um das richtige Maß gebrochen erreicht. Die ersten Brillen halfen Menschen ab etwa vierzig beim Lesen und bei feiner Arbeit, wenn das Scharfstellen auf Leseabstand schwer geworden war.
Das Paar auf der Tafel ist die älteste Form, die Nietbrille des 14. und 15. Jahrhunderts. Jedes Glas sitzt in einem Ring aus Knochen, Holz oder Horn. Von jedem Ring geht ein kurzer Griff ab, und beide Griffe sind durch einen einzigen Niet verbunden. Bügel gibt es keine: Der Niet liegt auf dem Nasenrücken, die Ringe klemmen die Nase von beiden Seiten. Wer sie trug, musste den Kopf ruhig halten oder die Brille mit einer Hand stützen.
Wie es funktioniert
Der Lesestein, eine Kuppel aus Kristall oder Glas, die man auf die Seite legte, war die Lupe vor der Brille.
Im Auge verändert eine weiche Linse ihre Form, um nahe oder ferne Dinge scharf abzubilden. Mit dem Alter wird sie steifer, und der nächste Punkt, den das Auge noch scharf sieht, rückt weg: Beim Kind liegt er wenige Zentimeter vor dem Gesicht, bei den meisten Sechzigjährigen außer Armeslänge. Das ist die Alterssichtigkeit, und deshalb waren die ersten Brillen Lesebrillen.
Eine Sammellinse, in der Mitte dicker als am Rand, lässt das Licht schon vor dem Auge etwas zusammenlaufen und übernimmt so einen Teil der Arbeit, die die Augenlinse nicht mehr schafft. Optiker messen diese Brechkraft in Dioptrien, dem Kehrwert der Brennweite in Metern. Ein Leseglas mit +2 Dioptrien sammelt paralleles Licht in einem Punkt 50 cm hinter dem Glas.
Kurzsichtigkeit ist ein anderer Fehler der Scharfeinstellung und kann zur Alterssichtigkeit hinzukommen. Der Augapfel ist etwas zu lang oder die Optik zu stark, und Fernes verschwimmt. Eine Zerstreuungslinse, in der Mitte dünner, fächert das Licht vor dem Auge leicht auf und verschiebt das Bild zurück auf die Netzhaut. Solche Gläser schliff man in Florenz schon im 15. Jahrhundert. Beim Astigmatismus unterscheidet sich die Brechkraft des Auges in zwei zueinander senkrechten Richtungen, sodass Linien in einer Richtung unschärfer erscheinen als in der anderen. Zur Korrektur braucht es ein Glas, das in einer Richtung stärker gekrümmt ist als in der anderen; solche Gläser kamen erst viel später.
Wie man sie baut
Für eine Nietbrille wie auf der Tafel braucht man zwei Linsen, ein Stück Knochen oder Hartholz, Kupferdraht und einen kleinen Niet.
Der Glasrohling, mit Pech an einem Holzgriff befestigt, wurde mit nassem Schleifmittel in einer Bronzeschale bearbeitet und dann auf Leder poliert.
Gläser beschaffen. Für eine Brille, durch die man wirklich schauen will, nimmt man zwei Gläser aus einer billigen Lesebrille. Selbst schleifen ist eine historische Vorführung: Wie ein Brillenmacher reibt man eine Glasscheibe von etwa 4 cm Durchmesser mit nassem Schleifpulver in einem Werkzeug, das auf die gewünschte Krümmung ausgehöhlt ist, mit immer feinerer Körnung, und poliert sie dann mit Polierrot auf Leder oder Filz. Für ein Glas mit +2 Dioptrien aus gewöhnlichem Glas brauchen beide Seiten einen Krümmungsradius von etwa 50 cm, eine sehr flache Wölbung. Ein von Hand geschliffenes Glas hat keine genaue Stärke, und seine optische Mitte sitzt nicht vor der Pupille.
Ringe aussägen. Mit dem Zirkel zwei Kreise, etwas größer als die Gläser, auf eine flache Knochen- oder Buchsbaumplatte reißen und mit einer feinen Säge ausschneiden. An jedem Ring bleibt eine Lasche für den Griff stehen. Innen in jeden Ring eine V-förmige Nut schneiden, in die der Glasrand greift.
Aufschneiden und binden. Jeden Ring auf der dem Griff gegenüberliegenden Seite durchsägen. Den Ring leicht aufbiegen, das Glas in die Nut schieben und den Spalt schließen, indem man dünnen Kupferdraht mehrmals um zwei kleine Nasen beiderseits des Schnitts wickelt.
Griffe vernieten. Am Ende jedes Griffs ein kleines Loch bohren, die Griffe übereinanderlegen und einen Kupfer- oder Eisenniet setzen, nur so fest gestaucht, dass sich die Hälften noch zusammenklappen lassen. An den Innenkanten, wo die Ringe die Nase berühren, kleine Kerben feilen, damit sie besser halten.
Sicherheit. Glas nass schleifen und eine Staubmaske tragen: Glas- und Schleifstaub schaden der Lunge. Beim Bohren von Knochen und Schneiden von Draht eine Schutzbrille tragen und geschliffenes Glas vorsichtig anfassen. Nie durch eine Linse in die Sonne schauen und nie eine Linse in der Sonne neben Papier oder Holz liegen lassen, sie kann ein Feuer entfachen. Dieses Paar ist eine Nachbildung: Es ersetzt keine vom Augenoptiker angepasste Brille, und damit nie Auto fahren.
Geschichte und Entwicklung
Polierte Kristalle und Glas dienten schon lange vor der Brille dazu, Schrift zu vergrößern. Der Schritt, vor jedes Auge eine gefasste Linse zu setzen, geschah um 1280 bis 1290 in Italien. Wo genau, ist unbekannt: Oft werden Pisa und Florenz genannt, und eine venezianische Verordnung von 1300 bestrafte bereits Glasmacher, die gläserne „Scheiben für die Augen“ als Bergkristall verkauften. In einer Predigt in Florenz sagte der Dominikaner Giordano da Pisa 1306, die Kunst, Brillen zu machen, sei noch keine zwanzig Jahre alt, und er habe mit dem Mann gesprochen, der die ersten gemacht habe. Dessen Name ist nicht überliefert.
Doppelbrille vom Ende des 18. Jahrhunderts: oben der Teil für die Ferne, unten der Teil zum Lesen.
Die älteste bekannte gemalte Brille zeigt ein Fresko von Tommaso da Modena aus dem Jahr 1352 im Kapitelsaal von San Nicolò in Treviso: Ein Dominikanerkardinal liest dort mit einer Nietbrille. Echte Fassungen sind selten erhalten. Ein Paar aus Knochen aus dem 15. Jahrhundert fand man in Trig Lane an der Themse in London, zu einer Zeit, als jedes Jahr Tausende Brillen aus den Niederlanden nach London kamen. 1466 bestellte der Herzog von Mailand zweihundert Paar, nach Lebensalter abgestuft, ein Zeichen, dass die Glasstärken schon recht einheitlich waren.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts korrigierten Brillen Kurz- wie Weitsichtigkeit, und Stege aus Leder oder Fischbein ersetzten den Niet. Um 1730 soll der Londoner Optiker Edward Scarlett starre Bügel eingeführt haben, die seitlich gegen den Kopf drückten. In Briefen von 1784 und 1785 beschrieb Benjamin Franklin seine „Doppelbrille“, deren Gläser zur Hälfte für die Ferne und zur Hälfte zum Lesen dienten. Im 19. Jahrhundert kam der Kneifer mit seiner Feder auf, im 20. folgten Kunststofffassungen, leichtere Kunststoffgläser und später dünnere hochbrechende Gläser.